Ein kleiner Umweg…(Kurzgeschichte)

Was mache ich hier? Nein, ehrlich. Ich stehe hier im Nirgendwo. Inmitten einer weitläufigen Ranch. Wie bitte konnte ich hier landen? Ok, der Sonnenaufgang ist wirklich schön. Ich rieche das feuchte Gras um mich herum und ein leichter Wind umgibt mich. Ich hätte nicht Bauchfrei raus gehen sollen. Gänsehaut. Von überall her kommt lautes Gezwitscher. Sie sind wach. Ich noch nicht. Wartet bitte noch ein bisschen.

Ok, was mache ich hier?

Nach langem hin und her, verließ ich Deutschland um in Amerika Fuß zu fassen. Ich kann gar nicht glauben, dass die Idee hierfür letzte Woche entstand. Und wie sollte es anders sein, ich trennte mich. Von meinem geglaubten Traummann. Anders als andere Frauen, ging ich nicht zum Frisör. Meine Haare sind immer noch Feuerrot.

Jetzt stehe ich hier. Mein Holzhäuschen steht weit offen und ich höre langsam meine Bettnachbarin wach werden. Bevor sie aufsteht dreht sie sich immer ganz schnell im Bett herum, streckt dann die Gebeine von sich und sagt laut: Danke, danke, danke!

Sie erklärte es mir gestern, gleich nach meiner Ankunft, damit ich mich nicht erschrecke, falls sie das macht. Ihre letzte „Partnerin“ konnte es gar nicht abwarten abzureisen. Ich finde sie sympathisch.

Nun brauche Ich einen Kaffee. Schwarz. Heute mit drei Stück Zucker. Es ist früh. Die Ranch viel zu weit weg um in einen Laden laufen zu können, geschweige ein Taxi zu rufen. Mist. Mein Handy hat sich über Nacht verabschiedet. Ich schätze es ist 06:30 Uhr in der Früh. Nancy steht im Türrahmen. Gähnend und mit fast zuene Augen und ohne ihre Schlappen, betritt sie den festgetretenen Boden. Sie kniet sich. Beugt den Oberkörper nach vorne, zieht ihre Arme ganz lang und flüstert fast unmerklich: „Jetzt noch nicht. Bitte noch nicht!“

Mein Zittern hörte auf. Ich war gespannt was als nächstes von ihr kommt. So jemanden wie sie kannte ich nur aus dem TV. Faszinierend.

Nancy richtete sich auf, kam auf mich zu, wohlmerkend das mein Jetlag bald kommen würde, lächelte, nahm meine linke Hand und zog mich hinter unser Haus. Sie sprach nichts und zog mich hinter sich her. Meine Stoffschuhe wurden langsam nass und ich traute mich nicht einmal zu sagen, dass ich um diese Uhrzeit normalerweise gerade ins Bett gehe. Nahm ich zumindest an. Da die zwei Stunden schlaf meinen Kopf nicht wirklich bereicherten. Es kamen immer mehr Büsche. Ein paar kurze Bäume standen eng beieinander. Alles wuchs wild. Gerade wollte ich mich beschweren, dass ich den Sonnenaufgang nicht richtig genießen konnte, blieb sie stehen. Ich sah mich um. Es war gar nicht so leise wie ich annahm. Um uns herum bewegte sich alles.

Nancy kommt eigentlich aus Texas. Ihren genauen Wohnort sagte sie nicht. Für ihre Liebe zog sie nach Berlin, so viel weiß ich. Um dann zu merken, dass sie sich in der Großstadt verloren hat. Sie musste zurück. Aber Texas sollte es auch nicht werden. Sie suchte sich bewusst einen körperlich sehr harten Job aus. Sie führte gut betuchte Wandersleute im Grand Canyon herum. Problem daran, sie musste den Proviant und alles andere notwendige alleine tragen. Für 5 Personen, einschließlich sich selbst. Ich schätze mal 10 Kilo.

Sie lies mich los. Ging ein paar Schritte auf die Lichtung zu und drehte sich zu mir um. „Hier sind wir richtig. Komm setz dich.“ Sie lächelte erneut, streifte ihr langes schwarzes, zerzaustes Haar nach hinten, um dann ein leichten Zopf zu knoten. Ihr Haar muss normalerweise lockig sein. Einige vielen einfach wieder heraus. Sie setzte sich in den Schneidersitz. Schaute mich mit ihren großen Augen an und fragte: „Du warst schon mal hier oder? Ich könnte schwören, ich habe dich hier schon gesehen!“

Und das am frühen morgen. Ich schaute mich um. Natürlich wollte ich Zeit schinden. Keine Ahnung was sie damit sagen wollte. Und so setzte sie erneut an: „Ok. Vielleicht weißt du es nicht mehr. Ich verstehe dich. Ich weiß nicht, ob ich mich daran erinnert hätte.“

„Ok Nancy, was bitte soll das? Warum diese Lichtung und wieso sagst du ich wäre schon hier gewesen?“

„Liebes, ich bin hier bereits 5 Jahre. Ich hab einige Gesichter gesehen, aber deins vergesse ich wirklich nicht.“

Ich merkte wie mein Gesicht blass wurde. Ich stand noch immer. Unbeweglich, Beine steif werdend. Die Gänsehaut kam zurück. War es doch kein Zufall, dass ich hier landete? Woher hatte ich eigentlich das Prospekt von dieser Ranch? Und warum redet sie drum herum und wird immer schräger? Ich verstehe es nicht. Mein Kopf platzt gleich. Hier kann ich nicht gewesen sein.

Und als ich so nachdachte, spürte ich wie meine Beine nachgaben. Ich saß im Handumdrehen im Schneidersitz vor ihr. Blickte sie fragend an, doch meine Lippen konnten keine Worte bilden.

„Ok. – Durchatmen. Du bist mir hier ständig auf dieser Lichtung begegnet. Gestern als du vor mir standest, wurde mir richtig schlecht. Ich begriff nicht warum du mich verfolgst und wie es sein kann, dass du plötzlich Fleisch und Blut bist.“

Durchatmen sagte sie anscheinend zu sich selbst. Ich glaubte ich höre eine Märchen, setzte mein Verlegenheitslächeln auf, die Stirn bewegte sich kein bisschen und meine rechte Schulter fing an leicht zu zucken.

„Nancy, ernsthaft. Ich hab dich gestern zum ersten Mal gesehen und dann erzählst du mir sowas vor meinem ersten Kaffee? Ich bitte dich. Ist das ein Ankommritual? Oder bist du vom Bett gefallen? Ernsthaft. Ich habe gerade die Kameras im Gestrüpp gesucht.“

Sie schloss ihre Augen. Atmete mehrmals tief ein und aus. Ihr Brustkorb schien sich zu öffnen. Ihre Hände lagen mittlerweile sanft auf ihren Knien und die Innenflächen dem Himmel entgegen. Es roch so unbeschreiblich gut und vertraut. Also Pflanzen finde ich zwar schön, aber ich kann keine betiteln und ganz bestimmt würde ich einige verwechseln, deswegen probier ich es erst gar nicht herauszufinden worin wir eigentlich saßen. Ich beschloss mich genauso hinzusetzen. Die Position mit aufrechtem Rücken und einem leisen „Ommm“ hauchend. Augen bleiben auf. Ich kann sie jetzt doch nicht zu machen. Was ist wenn sie gar nicht meine Bettnachbarin ist? Nancy so und so aus Texas. Wie sieht eigentlich mittlerweile ihr Haar aus? Ihre Augen scheinen gerade Samba zu tanzen. Ich werde ruhiger. Diesen Satz liebe ich ja. Immer wenn ich in seltsame Situationen komme, werde ich ruhiger. So richtig lösend. Manchmal als wolle ich mich auflösen. Ich bin nicht da, fragt später nochmal nach. Meine Freundin Jules würde mich jetzt wieder auslachen. Sie kann schon wirklich eine richtige Hexe sein. Nun sitze ich mit Nancy bestimmt schon drei Minuten auf diesem feuchten Boden. Meine Haremshose, die ich von Chrissi als Abschiedsgeschenk bekommen habe, wird langsam am Hintern durchgeweicht. Chrissi trug sie immer und überall und Gott sei Dank sieht sie trotzdem aus wie neu und erinnert mich an so manche lustige Situation. Ich vermisse sie. Alle.

Was ist, wenn ich doch mal meine Augen schließe? Nancy ist schließlich gute zwei Meter von mir entfernt und ich würde es bestimmt merken, wenn sie aufsteht. So müde bin ich nicht. Oh man, mein Bein fängt an einzuschlafen. Beweg deine Zehen Eve, komm schon. Stoffschuhe sind beweglich. Und jetzt Augen zu. Einfach die Lider sinken lassen. Achte auf deine Hände. Keine Faust ballen.

Lichtblitze. Weiß-gelbe Explosionen. Ein Tornado in meinem Kopf. Mein Atem wird kürzer und schneller. Farben kommen hinzu. Alles vermischt sich. Ich glaub mir wird übel. Doch Fäuste. Ich schaffe das und nein ich behalte meine Augen zu. Warum nur, muss ich mir selbst immer so viel Druck machen? Andere Geschichte. Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich sehe mich und Nancy hier inmitten der Wiese sitzen. Sie trägt ihr Haar offen, es ist blond. Aber diese Augen ließen sie mich erkennen. Tiefes Blau. Wir sitzen voreinander die Hände haltend. Als ich runter zu meinen Händen schaue, wirke ich blass, fast durchsichtig. Langsam bewege ich meinen Kopf in Richtung ihrer stechenden Augen und…

Ich wachte im Holzhaus wieder auf. Malat und kränklich. Was bitte war das? Jetlag. Ganz bestimmt der Jetlag. Als ich mich streckte, mir an meinen Hals fasste, wurde ich sofort hellwach. Ich hielt einen kleinen Zweig in meinen Fingern. Ängstlich drehte ich mich zu meiner Bettnachbarin. Sie hatte das Bettdeck so weit hochgezogen, dass ich nicht mal ihre Haare sah.

„Nancy“,flüsterte ich, „Nancy, bist du wach? – Ich hatte einen seltsamen Traum von uns.“

Zögernd strich sie die Decke runter. Schaute mich fragend an und sagte: „Weißt du es wieder?“

12 Gedanken zu “Ein kleiner Umweg…(Kurzgeschichte)

  1. Du hast das wunderbar geschrieben…….es ist besonders interessant, da Du Dich gerade mit Träumen beschäftigst, ich Dich ein klein wenig kenne und überhaupt ;-)))))) schreib schön weiter;-))))))))))

    Gefällt 2 Personen

  2. Ja und weiter? Du kannst doch nicht einfach aufhören 😩
    Deswegen hasse ich Kurzgeschichten. Am spannendsten Punkt hören sie auf.

    Aber deine ist toll. Der Schwiegertiger beobachtet mich schon, wie ich hier mit klopfendem Fuß auf ihrer Couch hocke. 😁

    Gefällt 1 Person

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